Von der Macht des Arztes

Ein Wilnaer Jude kam einmal zum großen und heiligen Rabbi Dojw-Ber von Mizricz, den man gewöhnlich den Maggid von Mizricz nennt. Der Mann gehörte nicht zu den Chassidim und glaubte nicht an die Wunderkraft des Maggids. Da er aber viel von seiner Weisheit gehört hatte, besuchte er ihn, um ihn zu prüfen. Kaum war er eingetreten, als der heilige Maggid ihm sagte:

Merke dir, mein Kind, daß es nicht die Arzneien sind, die den Kranken heilen, sondern die Ärzte selbst. Denn jeden Arzt begleitet ein Engel, und den größten Arzt – der Erzengel Raphael selbst.“

Der Mann aus Wilna begriff nicht, was der heilige Maggid damit sagen wollte. Er sagte sich: „Was hat er mir da gesagt? Ich bin ja, gottlob, gesund und brauche keinen Arzt. Was meinte er damit?“

Als er den Maggid verlassen hatte, überlegte er sich noch lange hin und her, wie er diese Worte verstehen müsse, konnte aber den Sinn nicht erfassen. Und er vergaß bald den Ausspruch des heiligen Dojw-Ber von Mizricz.

Er verbrachte noch drei Monate auf Reisen, und als er nach Wilna zurückkam, wurde er schwer krank. Niemand konnte erraten woher diese Krankheit kam, und keiner der Ärzte, die man herbeirief, konnte ihm helfen. Es ging ihm von Tag zu Tag schlechter, so daß man glaubte, sein Ende sei nahe.

Der Mann war aber in Wilna sehr beliebt, und die Leute hatten um ihn große Sorge. Als man hörte, daß er im Sterben liege, kamen so viele Leute zu ihm, daß das Haus voll war und viele auf der Straße stehen mußten. Und wie sie so standen, ging plötzlich das Gerücht, daß der König von Preußen nach Wilna gekommen sei. Die Leute beschlossen, zum König zu gehen und ihn zu bitten, er möchte erlauben, daß sein Leibarzt den Kranken aufsuche; vielleicht werde er ihn retten können. Und die ganze Gemeinde begab sich zum König und brachte durch einen Hofbeamten die Bitte vor.

Der König gab die Erlaubnis, und der Leibarzt begab sich zu dem Kranken. Als er seinen Zustand sah, wurde er böse, daß man ihn gerufen hatte. „Bin ich denn ein Gott“, sagte er, „daß ich einen Toten lebendig machen soll?“ Und er wollte das Krankenzimmer verlassen, konnte es aber nicht, denn die Leute, die mit ihm zugleich gekommen waren, standen so dicht gedrängt, daß er nicht einmal zur Tür gelangen konnte. Also blieb er noch eine Weile im Zimmer. Als er noch einmal nach dem Kranken sah, merkte er, daß er es nicht mehr für unmöglich hielt, daß eine Arznei helfen könnte.

Also setzte sich der Arzt hin, schrieb ein Rezept und schickte es mit einem Boten in die Apotheke. Als er wieder nach dem Kranken sah, merkte er, daß sein Zustand sich noch mehr verbessert hatte, so daß das erste Rezept nicht mehr nötig war. Er schrieb ein neues Rezept aus und schickte einen anderen Boten, der den ersten einholen sollte.

Kaum war der zweite Bote fort, als der Arzt sah, daß auch das zweite Rezept nicht mehr nötig war. Man rief den Boten zurück, und der Arzt schrieb ein drittes Rezept. Und so ging es mehrere Male. Der Arzt war sehr erstaunt, dann er hatte dergleichen noch nie erlebt. Und wie er so steht und sich wundert, richtet sich der Kranke plötzlich im Bett auf, setzt sich hin und sagt:

Ich bitte Euch, bleibt noch ein wenig bei mir. Eure Anwesenheit ist´s, was mich heilt. Denn der heilige Rabbi hat mir gesagt, daß den großen Arzt der Erzengel Raphael begleitet. Also kann ich ganz ohne Arzneien gesund werden. Damals verstand ich nicht, was der Rabbi meinte, doch heute sehe ich, daß er die Wahrheit gesprochen hat.“

Der königliche Leibarzt war aber Jude. Er fragte den Kranken, von welchem Rabbi er spreche; und dieser sagte es sei der Maggid Dojw-Ber von Mizricz gewesen. Der Arzt meinte, daß der Maggid, der solches gesagt habe, ein heiliger Mann sein müsse. Später reiste der Leibarzt zum heiligen Maggid nach Mizricz und wurde mit der Zeit selbst ein heiliger Rabbi und Wundertäter.

Die göttliche Vorsehung sei mit uns, und wir möchten der Gnade teilhaftig werden.

Jüdische Sage

Meditation ist immer modern

Mahamudra: „Meditation ist immer modern – oder: wie ich ein
besseres Leben führen kann“

Das Thema offiziell ist „Meditation ist immer modern“ und für diejenigen, für die das unangenehm ist, ist das Thema: „Wie ich ein besseres Leben führen kann.

Ganz besonders ist dieser Abend all denen gewidmet, die in den letzten Jahren trotz intensiver und auch langjähriger Schritte in Richtung Licht, in die Verdunklung gefallen sind. Verdunklung als Gegensatz zur Erleuchtung. Gewidmet insofern, als dass gerade diese sich noch einmal mit dem Thema beschäftigen sollten. Und auch alle diejenigen, die immer wieder zweifeln, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Die immer wieder sich selbst und ihre eigenen Bemühungen untergraben, kaputt machen, und so ihr Leben in einen endlosen Zyklus von Wiederholungen degradieren, wo es doch eine endlose gerade Linie von Licht und Freude sein könnte.

Mit der Bezeichnung „Meditation ist immer modern“, meine ich genau das: dass es immer aktuell ist seit tausenden von Jahren und auch für die nächsten tausende von Jahren. Dass es immer wieder aktuell ist, wichtig und hilfreich, zu meditieren. Die Formen, die Techniken haben sich geändert und werden sich ändern. Und die Annäherungsversuche auch von völlig unterschiedlichen Richtungen, die oft etwas plump und völlig daneben sind, wo gelacht wird über Meditationstechniken, über Positionen, über Weisheiten – sind trotzdem Annäherungsversuche aus dem tiefen Wissen heraus, dass für jeden Meditation wichtig ist.

Nicht nur, weil es eine Pflicht ist, weil es einem etwas auferlegt, sondern weil es ein begonnener Schritt ist in die Richtung Bewusstsein. Nur Meditation ist in der Lage, diesen begonnenen Weg in Richtung Bewusstsein auch zu vollenden. Und eine Ablehnung von Meditation bedeutet gleichzeitig eine Abwahl von Bewusstsein und eine Rückkehr in Unbewusstsein. Eine Entscheidung für Verdunklung, die zunächst vielleicht angenehm, entspannend, wohltuend, und dann aber endlos traurig ist.

Nicht immer ist es nötig, dass Meditation mit so viel Arbeit und Kampf verbunden ist. Arbeit im Einzelnen und Kampf im Kollektiv für die Anerkennung der Meditation. Für das Verständnis, was Meditation ist. Nicht immer ist die Notwendigkeit da und auch da gewesen – aber im Moment ist es wieder sehr schwer geworden, Meditation als Teil des Lebens zu integrieren. Und die Fronten, die Widerstände, knallen hart aufeinander.

All diejenigen, die ich gesehen haben, die ihren Weg gesucht haben und dann wieder abgewählt haben, haben ihren Meister, ihren Fokus im Leben, in der Lust, in der Macht, in der Freiheit, in der Gier, in der Unbegrenztheit gesucht. Nicht, dass etwas verkehrt ist, kritisierenswert ist an Lust, an Macht, an Freiheit, Gier oder Unbegrenztheit. All dies sind Teile des Lebens. Teile.

Aber wenn man sie zum Fokuspunkt macht, dann macht man sich unbewusst. MUSS man sich unbewusst machen, denn das ist nicht die Wahrheit. Es ist nicht der Mittelpunkt. Es fordert den Preis von Ausblenden. Und schon ist man in die Verdunklung gefallen.

Meditation ist das einzige Mittel, um hier etwas zu erkennen und zu unterscheiden. Und zu lernen zu verstehen, was Verdunklung ist und was Erleuchtung. Was der Weg ist, wie die Zusammenhänge sind, und warum man nichts mehr versteht, wenn man sich für die Verdunklung entscheidet.

Jemand, der unbewusst wird, wird niemals erkennen, dass er unbewusst wird. Nicht während er unbewusst wird und auch nicht, wenn er völlig unbewusst geworden ist. In dem Moment, wo er sich entscheidet, weiss er noch, dass er sich jetzt für etwas entscheidet, dass seinen Weg in das Bewusstsein völlig verändert. Aber dass er sich trotzdem entscheidet. Und dass von jetzt an der Verlust mit ihm ist.

Aber diese Klarheit ist immer nur für einen kurzen Moment da und dann mit der Entscheidung sofort verschwunden. Verdrängt und dann noch zugeschaufelt. Wer will sich schon eingestehen, dass er bewusst eine falsche Entscheidung fällt? Sei es aus Trotz oder aus Neugier oder aus Glauben oder was auch immer für Gründen. Aus Abhängigkeit, aus Sucht – die Gründe sind vielfältig.

Meditation ist die Qualität, bewusst zu bleiben. Bewusst zu sein und immer bewusster zu werden. Egal, ob mit oder ohne Technik. Techniken sind nur erfunden worden, um dieser menschlichen Möglichkeit einen Rahmen zu geben. Der menschlichen Möglichkeit, selbst und durch freien Willen an seinem Bewusstsein zu arbeiten. Meditation ist ein Bereich im Inneren, eine Fähigkeit, die uns in die Lage versetzt, einen kleinen Abstand zu machen zwischen dem was wir erleben, dem was wir erlebt haben oder uns wünschen, dass wir es erleben werden.

Durch diese Fähigkeit werden wir in die Lage versetzt, zu verarbeiten nachdem etwas passiert ist. Uns damit auseinander zu setzen, zu ordnen und Dinge neu zu bewerten, nachdem sie vielleicht schon lange vergangen sind.

Man darf nicht übersehen, was für eine enorme Möglichkeit das ist. Wenn wir nicht diesen kleinen Abstand hätten, der uns in die Lage versetzt, in die Vergangenheit zurück zu gehen, tief in den Moment einzutauchen, alles aus der Vogelperspektive zu sehen, oder aber uns auch total einzulassen, dann hätten wir nur einen sehr kleinen Spielraum, um Bewusstsein zu bilden.

Diese Fähigkeit ist die Fähigkeit der Meditation. Sie bildet das Bewusstsein als Ursprung und Ende als Verbindung zu unserem allertiefsten Kern. Und wenn wir uns dessen bewusst werden, welche Möglichkeiten uns das eröffnet, dann haben wir vielleicht einen grössere Motivation zu meditieren. In den Formen, wie sie für uns leicht sind. Leicht, angemessen und vielleicht sogar mal Spass machen. Uns Ruhe geben, unsere Lebensqualität verbessern.

Meditation, so wie sie ist und da, wo wir uns jetzt hinentwickelt haben, unterstützt unser Bewusstsein in allen Aspekten. Und dadurch erweitert sich das Spektrum unserer Möglichkeiten enorm. Nicht, dass wir gleich alles zur Verfügung haben. Aber durch Meditation kann sich unsere Lebensqualität, unsere Ausrichtung, alles, was unser Leben ausmacht, unendlich verbessern. Und jeder, der sein Leben verbessern möchte, sollte meditieren. Auch dann, wenn er genusssüchtig, oder macht- oder freiheitssüchtig ist.

Schon allein nur der Chance wegen, die Qualität seines Lebens zu verbessern. Und was sich alles verbessern lässt.

Eine objektive unabhängige Ebene öffnet die Fähigkeit zum lernen. Jeder von euch kennt die Erfahrung, dass wenn er etwas lernen möchte, im Inneren zahllose Schichten von Verweigerung aufstehen und den Krieg beginnen. Angefangen, von Ego, von den Gedanken: „hab ich nicht nötig! muss ich das nochmal? will ich mir nicht antun.“ bis über die intellektuellen Möglichkeiten, etwas zu behalten, sich etwas zu erschliessen. Dann die tieferen moralischen Ablehnungen wie: „Kann doch gar nicht sein! Das soll die Wahrheit sein ?!“ … „Hab ich aber was anderes gelernt, bin ich auch nicht bereit, andere Gesichtspunkte reinzulassen, dann müsste ich meine Leben neu bewerten.“ Und so geht es in endlosen Kreisen weiter.

Der objektive Standpunkt im Zusammenschluss mit der Neugier öffnet die Fähigkeit zum Lernen. Ohne Objektivität kein Lernen. Deswegen sind wir immer noch mit Einsichten und Glaubenssätzen behaftet, von denen wir schon längst wissen, dass sie nicht stimmen. Wir klammern uns immer noch an Absurditäten. Und viele Überzeugungen, die wir leben, obwohl wir schon wissen, dass sie nicht stimmen, haben wirklich Museumscharakter.

Das wäre zum Beispiel die Frage nach früheren Leben, Wiedergeburt, die Frage nach Ausserirdischen Intelligenzen. Die Frage nach der zentralen Bedeutung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen, die Frage nach der Ausschliesslichkeit des Bewusstseins im Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen.

Die Frage von Anerkennung oder Aberkennung was bewusste und intelligente Lebewesen sind überhaupt. Welchen wir erlauben, bewusst zu sein und welche wir respektieren. Und welche wir benutzen als wären sie Gegenstände.

Fragen des eigenen Selbstverständnisses, Fragen der Bewertung der eigenen Rasse, Überbewertung und auch Öffnung in Richtung unserer eigenen Zerstörung und Brutalität gegenüber anderen auch intelligenten und empfindungsfähigen Lebewesen. Und so könnte man noch sehr viele Beispiele nennen, wo wir verhaftet sind, wider besseres Wissen, zugunsten der Bequemlichkeit, in alten Glaubenssätzen.

Wir wissen, dass die Erde sich dagegen wehrt, von uns missbraucht zu werden und trotzdem wundern wir uns, wenn der Regen in Kübeln vom Himmel schüttet. Wenn das Klima sich ändert. Und in Wirklichkeit beten wir immer noch zu irgendeinem imaginären Gottvater, um dieses Problem zu lösen, anstatt selbst etwas zu tun.

Nur Meditation kann uns helfen daraus auszusteigen und zu lernen. Zu lernen über uns selbst, über unsere Umgebung, unsere Mitmenschen, unser Kollektiv und alles, was darüber hinaus geht. Zu lernen, wie die Gesetzmässigkeiten dieses Universums sind, wie man Dinge einzuschätzen hat. Dann wird auch Wissenschaft und Heilung ganz neue Wege finden, die menschliche Lebensqualität zu verbessern.

Mit einem nicht nur globalen, sondern universalen Verständnis wären wir durchaus in der Lage, alle unsere Probleme zu lösen. Und nur durch Erkenntnis, durch blosse Erkenntnis könnten wir sehen, was zu verändern wäre.

Nicht, dass es ohne Arbeit wäre. Nicht dass es einfach wäre – aber es wäre möglich. Und nicht nur „es wäre möglich“ … es ist gesagt worden, es ist gehört worden und verworfen.

Meditation gibt uns die Fähigkeit und erweitert unsere Fähigkeit zu lernen, zu verstehen, uns zu erweitern, und dann viel intelligenter auch mit unserem ganz banalen täglichen Leben umzugehen.

Und das ist so ein anderer Irrglaube, dass man denkt, Meditation ist nur für die höheren Dinge da. Es gibt gar keine höheren Dinge. Alles, was man vielleicht versucht, in die Ecke von Spiritualität zu schieben, um es dann abgegrenzt in den Mülleimer zu werfen, betrifft in Wirklichkeit unser tägliches Leben. Und je nach dem, wie intelligent man das tägliche Leben – intelligent heisst, mit wie viel Bewusstsein – man das tägliche Leben angeht, desto einfacher wird es auch.

Meditation bewirkt aber noch mehr: der objektive Raum in uns versetzt uns in die Lage, unsere eigenen Wünsche zu erkennen und zu verstehen, woher sie kommen und wie sie um zu setzen sind. Unsere eigenen Qualitäten zu verbessern. Uns selbst weiter zu entwickeln. Erst wenn man sich selbst ansehen kann als einen Gegenstand seiner eigenen Neugier, seiner eigenen Erkenntnis. Wenn man sich gewissermaßen von Außen und unbeteiligt ansehen kann, kann man verstehen, wo und wie man sich selbst verändern kann.

Alle die hier sitzen, sitzen hier, weil sie sich verändern möchten: in irgendeiner Art und Weise. Und wenn es nur darum geht, den inneren Krieg zu beenden. Aber egal, in welcher Weise man sich verändern will: ob man grosse Taten vollbringen will, ob man die Menschheit retten will, oder nur einfach zur Ruhe kommen will und in Frieden mit sich selbst zu sein – immer kann einem die Meditation helfen. Und nicht nur „kann“, sondern braucht man die Meditation, um zu erkennen, warum das, was man so gerne möchte, nicht da ist.

Die Möglichkeit, zu erkennen, dass man jede Fähigkeit in sich entwickeln kann. Natürlich mit Arbeit verbunden, mit Lernen und Übungsprozessen. Trotzdem jede im menschlichen Potential enthaltene Möglichkeit in sich verwirklichen kann. Beginnend immer mit der Erkenntnis, wie alles zusammenhängt.

Wenn man in sich selbst nur einen kleinen Anteil erkennt von dem, was man sein möchte, nämlich den Anteil der den Wunsch erzeugt, dann wird man auch die Schritte sehen, die einen dort hin bringen. Jede Weiterentwicklung beginnt mit dem Wunsch etwas zu sein, etwas zu machen, etwas zu haben, etwas zu werden. Und dieser Wunsch kommt aus der ursprünglichen Qualität des Menschen, das Bewusstsein zu erweitern.

Und nur durch Meditation wird man diesen Weg direkt beschreiten können. Ein Wunsch wird einen immer dahin bringen, dass man endlich, nach langer Zeit, das erreicht, was man irgendwann haben wollte. Und vielleicht ist soviel Zeit verstrichen – Jahrhunderte, Jahrtausende manchmal – wenn der Wunsch sehr gross ist, dass man schon lange vergessen hat, worum es eigentlich ging.

Ein genügend weit entwickeltes Bewusstsein, eine Basis, die breit genug ist, wird erkennen und direkte Wege finden, enthält die Möglichkeit, sich selbst direkt weiter zu entwickeln oder auch eine bewusste Entscheidung zu machen, Wünsche auf zu geben.

Natürlich ist das sehr verführerisch. Denn meistens wird an diesem Punkt das Ego wach und entwickelt grosses Interesse. Immerhin würde einen das näher bringen an noch mehr Lust, Macht, Freiheit oder was auch immer man sich so gewünscht hat. Und es stimmt auch. Auch das Ego wird dadurch zunächst unterstützt.

Aber das ist nicht, wovon ich spreche. Ich spreche von dem objektiven Bereich in einem, der den wirklichen, ehrlichen Wunsch aus der Mitte hat, etwas zu entwickeln. Zu verbessern, etwas zu werden, was man schon immer sein wollte und die Fähigkeit, zu erkennen, wie es möglich ist.

Letztendlich geht es auch nicht darum, sich tagtäglich stundenlang hin zu setzen um dieses zu erreichen um dann wiederum etwas in sich zu befriedigen was man schon lange haben wollte. Der wirkliche und wahre Weg ist ein ganz anderer.

Meditation ist eine innere Haltung, eine Qualität. Und wenn man aufgehört hat, damit rumzumachen, diese Möglichkeit des objektiven Angehens des Lebens für irgendwelche subjektiven Bereiche unterzuordnen, dann entsteht die Möglichkeit, mit dieser Objektivität permanent verbunden zu bleiben. Den ganzen Tag.

Den ganzen Tag sich seiner Selbst bewusst zu sein. Den ganzen Tag wahr zu nehmen was passiert. Und so die Meditation zum integrierten Bestandteil seines Lebens zu machen. Es ist ganz klar, dass es eigentlich darum geht. Und dass wir grosse Zeiten von Übung und Anhäufung von Bewusstsein brauchen, um letztendlich dort hin zu kommen. Aber das Ziel ist, die Meditation als Teil des Lebens, als Qualität des Lebens zu erwerben, zu beherrschen, zu sein.

Dann wäre es so, dass man morgens aufsteht und man ist sich bewusst darüber, wie die Nacht war, was abgelaufen ist, was man an diesem Tag machen möchte, wie der Tag ablaufen müsste, wie die Dinge ineinander greifen, wie der Fluss des Lebens ist, wo Unsicherheiten sind, wo Schwierigkeiten kommen, wo Abläufe gestört sind, wo man extra Energie reingeben muss, um seine Dinge zu regeln, und auch, wie der eigene Zyklus ist, wo die eigenen Stärken und Schwächen in dem Moment sind.

Ob man stark und gesund ist, ob man klar ist, ob man emotional ist oder nicht, denn all diese Dinge werden sich nicht verändern. In einem Zustand der Meditation wird man all dies wahrnehmen und entsprechend damit umgehen können.

Ständig ist die Verbindung zu einem selbst da. Und wenn man merkt, dass Situationen kommen, wo es einem schwer fällt, entsprechend den eigenen Vorstellungen umzugehen, dann weiss man wenigstens, wenn man nachgegeben hat, wo man nicht nachgeben wollte, wenn man Kompromisse gemacht hat. Und vielleicht sieht man sogar, dass auch das sinnvoll ist.

Von solch einem Seinszustand, von solch einer Lebensqualität können die meisten im Moment nur träumen. Es gibt vielleicht Momente, wo das so ist. Vielleicht auch mal Stunden, aber niemals ist es durchgängig. Und damit ist natürlich auch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die Fähigkeit zur bewussten Entscheidung und viele andere Dinge verloren.

Nur in diesem Zustand von Wachheit, von Verbindung mit sich selbst, von Meditation als integrierter Teil, hat man auch immer und fortwährend die Freiheit der Entscheidung. Die Kontrolle über sich selbst, die Wahrnehmung des eigenen Willens, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung insgesamt. Die Fähigkeit zu lernen und offen zu sein für das was kommt.

Und die Aufarbeitung von Erfahrungen. Nur im Zustand des Bewusstseins ist man in der Lage, Erfahrungen wirklich und endgültig zu verarbeiten um sie dann abzuschliessen und loszulassen.

Das Dilemma, dass die meisten Menschen in dieser endlosen Schleife von Erfahrungen und immer mehr Erfahrungen sind, ohne sie noch verarbeiten zu können, könnte gelöst werden. Dadurch könnte viel Heilung stattfinden. Viele Ressourcen würden frei werden und die Menschheit würde einen Bewusstseinssprung nach vorne machen.

Die Fähigkeit Erfahrungen aufzuarbeiten beginnt erst wirklich mit der Meditation. Auch wenn viele, auch sogar hier, sich immer noch verweigern, kennt jeder die Möglichkeit, sich mit seiner eigenen Unwissenheit zu konfrontieren. Unwissenheit über sich selbst und seine eigene Vergangenheit. Jeder kennt die Möglichkeit, dass wenn Erfahrungen sich permanent wiederholen, man anfangen kann, sie anders, aus einem anderen Blickwinkel anzusehen.

Oft ist es nur, die Vermeidung fallen zu lassen und schon beginnt eine neue Stufe der Erfahrungsverarbeitung und man ist aus dem wiederkehrenden Zyklus herausgetreten. Und in der Regel weiss man, wenn man nur irgendwie ein bisschen an sich selbst interessiert ist, wo die Vermeidungen liegen. An welchen Punkten man wieder und wieder die Erinnerung an sich vorbeigehen lässt und damit auch die Chance, etwas zu verarbeiten, was einen lange belastet hat.

Meditation eröffnet die Möglichkeit, Erfahrungen zu verarbeiten und abzuschliessen und so zu einer menschlichen Qualität werden zu lassen, den Handlungszwang zu überwinden. Wenn jemand keine Erfahrungen verarbeiten will, oder aber eine bestimmt Erfahrung nicht verarbeiten will, dann ist er gezwungen, aufzuhören zu meditieren.

Aber es gibt noch mehr, was Meditation verändert.

Je größer der Bereich ist in einem, der einem erlaubt aus den Einbindungen und Abhängigkeiten zurück zu treten und zu sich selbst zu kommen und auch sich selbst noch mit Abstand zu betrachten, desto umfassender wird auch die Sichtweise. „Umfassend“ bedeutet, das Verständnis für Zusammenhänge: Warum es manchmal klappt mit der Umgebung, manchmal gute Beziehungen da sind und manchmal nicht.

Warum Menschen miteinander auskommen oder sich bekriegen. Warum Phänomene da sind. Die Sichtweise, wie die Zusammenhänge aus der Tiefe sich nach aussen entfalten und dass die Gesetzmässigkeiten immer gleich sind. Einsichten über Fähigkeiten und Unfähigkeiten, die man selbst hat.

Je weiter man sich von dem persönlichen entfernt, desto klarer werden die Zusammenhänge. Und nur durch Meditation wird diese Sichtweise so klar. Das ist auch der Punkt von Wahrheit.

Wenn wir über Wahrheit sprechen und die subjektive meinen, die Welt der eigenen Erfahrungen, dann gibt es so viele Wahrheiten wie Menschen. Aber wenn wir über Wahrheit sprechen aus der objektiven Ebene, dann gibt es nur eine Wahrheit und die ist für jeden gleich.

Und so kann man nicht nur die grundlegenden Zusammenhänge und Wahrheiten erkennen, sondern man kann sie auch mitnehmen in sein tägliches Leben. Wenn Meditation teil des Lebens geworden ist, dann wird diese Wahrheit hinter allem stehen. Hinter allem was man tut, was man fühlt, was man sieht, was man sagt. Nicht, dass man nicht dann immer noch lügen könnte, oder manchmal sogar immer noch will – aber im Rahmen eines grösseren Zusammenhangs, einer grösseren Wahrheit.

Osho hat oft gelogen. Aber er hat nie GELOGEN.

Und es gibt noch mehr. Auch wenn ihr vielleicht schon denkt, es reicht ja jetzt allmählich :-). Es gibt noch mehr.

Meditation ist eng gekoppelt mit Intelligenz. Das, worunter wir am meisten leiden ist, dass wir unsere Intelligenz, das heisst, die Fähigkeit uns anzupassen und integriert in dieser Welt zu leben, diese Intelligenz haben wir abgegeben zugunsten des Intellekts. Des logischen Denkens, der aber eigentlich nur ein Teilabschnitt ist. Meditation macht unsere Intelligenz wieder lebendig.

Und auch ohne intellektuell erkennen zu können, worum es geht, werden wir immer die richtigen Schritte machen, entsprechend unseren Fähigkeiten, Begabungen und Bestimmungen. Dass was entwickelt ist, wird natürlicherweise einfliessen. Das, wovon wir alle träumen, nämlich, uns selbst zu verwirklichen, und unser Glück, unsere Erfüllung in der Selbstverwirklichung zu finden, ist nur möglich mit Meditation.

Punktuell und nach viel Arbeit, nach viel Anstrengung und Bemühungen erleben wir alle Momente, sogar die, die es nicht wahrhaben wollen, Momente von Glück und Erfüllung. Wo etwas erreicht ist um das man sich lange bemüht hat. Aber nur Momente.

Und diese Momente geben einen Vorgeschmack auf das, was sein könnte, und verleiten viel dazu, dieses Glücksgefühl zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Und schon ist alles verloren. Das Glücksgefühl ist ein Nebenprodukt der Erfüllung. Und die Erfüllung kommt nach getaner Arbeit.

Meditation versetzt uns in die Lage, uns zu erfüllen, mit allem was wir tun. Kein Schritt muss mehr in die falsche Richtung sein. Auch wenn schwierige und negative Erfahrungen Teil unseres Lebens sind. Auch in schwierigen und negativen Erfahrungen liegt ein Teil der Erfüllung. Aber wenn man das erkennt, dann sind diese Erfahrungen nicht mehr hindernd, zerstörerisch. Sie bringen einen nicht mehr von sich selbst weg.

Im Zustand der Meditation, in der Verbindung mit sich selbst kann man gar nicht anders, als Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute, sich selbst zu erfüllen. Nicht, dass man immer glücklich ist. Glücklich im emotionalen Sinn. Aber in der Tiefe ist das Glück aus der Erfüllung immer da.

Und noch etwas – aber das ist jetzt das letzte, was mir eingefallen ist: Meditation gibt den Zugang zur Freiheit. Zur bewussten Entscheidung. Niemals wird man sich bewusst entscheiden, wenn man nur seinen Stimmungen, Wünschen oder Abhängigkeiten folgt, auch wenn man oft glaubt, man würde sich bewusst entscheiden. Eine bewusste Entscheidung hat eine besondere Qualität. Eine besondere Größe und Tiefe und sie ist nicht mehr zu verändern.

Bewusste Entscheidungen sind endgültig. Sie erfüllen sich auf eine gewisse Art und Weise, indem sie das Potential verändern. Und alles passiert im gleichen Augenblick. Die Entscheidung, der Weg der sich daraus öffnet mit allen Möglichkeiten zur Verwirklichung – auch die vielfältigen Wege – und die Türen, die sich schliessen, weil man diese Entscheidung gefällt hat.

Gleichzeit sind Handlungen, Gefühle, Gedanken – das gesamte Sein davon betroffen. Und nicht nur das Eigene, auch das des Umfeldes. Nur im Zustand der Meditation hat man die Freiheit, solche Entscheidungen zu fällen, oder auch nicht zu fällen. Sie vorüber gehen zu lassen ohne unbewusst zu werden. Dies ist unsere größte Möglichkeit, Verantwortung, Fähigkeit und Schwierigkeit. Jeder möchte frei sein.

Und sogar: nicht nur möchte jeder frei sein, sonder jeder glaubt auch, er ist frei. Jeder pocht auf seine menschliche Freiheit. Aber in Wirklichkeit kann man nur auf die Ausübung seiner eigenen Abhängigkeiten pochen bis man einen Punkt von Meditation erreicht hat.

Viele haben Erfahrungen, wo punktuell der Moment von Freiheit da war und solche Entscheidungen auch gefällt wurden. Für manchen zum Beispiel der Moment, als sie sich für Sannyas entschieden haben.

Meditation öffnet uns all diese Möglichkeiten. Die grössten menschlichen Möglichkeiten. Aufgrund der Sichtweise, der Objektivität und der Möglichkeit, unsere Fähigkeiten zu erkennen, unser menschliches Potential zu erkennen und auch es anzugehen, es zu verwirklichen.

Und aus dieser Sichtweise heraus, aus diesem Blickwinkel, ist Meditation das Grösste und Verdunklung das Niedrigste.

Aus dieser Sichtweise heraus, aus diesem Blickwinkel, kann man nicht verstehen, wenn jemand nicht meditieren will. Wenn er all diese Schätze beiseite lässt, obwohl er sie vielleicht am allermeisten will, nur um sich in eine Ecke zu setzen und in Illusionen und träumen zu versinken.

Aus dieser Sichtweise heraus findet man auch die Motivation, sich darüber zu empören oder Schmerz zu empfinden, wenn so etwas passiert. Und um jeden einzelnen zu kämpfen, dem es passiert. Erleuchtung ist der Zustand über die permanente Meditation hinaus. Aber der Zustand der Meditation führt einen geradewegs zur Erleuchtung. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man dort ankommt.

Verdunklung bedeutet, das Leben so auszurichten, dass man immer mehr in Abhängigkeit gerät. Abhängigkeit von seiner Umgebung, von seinen Wünschen, seinen Ängsten und Projektionen. Seinen Vermeidungen, den Unbequemlichkeiten und Bequemlichkeiten. Von Kompromissen, Lebenslügen und unliebsamen Einbrüchen von Wahrheit.

Die Ausrichtung ist immer mehr weg von sich selbst auf andere. Und statt der Erfüllung von Bedürfnissen, von Selbstverwirklichung, erfüllt man seine Wünsche.

Immer wieder sind viele Versuche gemacht worden, nicht nur in Religionen, nicht nur durch Meister, durch Erfahrene, Erleuchtete, den Menschen Leitlinien zu geben, damit sie nicht in die Dunkelheit fallen. Und immer wieder haben diese Versuche auch dazu geführt, dass sie unterlaufen wurden, zum Gegenstand grade des Interesses wurde, sie zu vernichten, dagegen zu arbeiten.

Sogar die Menschenrechte, unsere relativ junge Errungenschaft, die in jedem entwickelten Staat Grundlage des Zusammenlebens sind, können wir selbst nicht respektieren. Sie drücken unsere Ideale aus, unseren Anspruch. Das was wir sein möchten, das, wie wir unser Zusammenleben regeln möchten. Aber sie werden erst dann wirklich erfolgreich sein können, wenn Meditation und nicht nur Religion mit eingeschlossen ist. Als Möglichkeit, als reale Möglichkeit, dass, was wir gedanklich schon erkannt haben, auch umzusetzen.

Man muss nicht elitär sein, überheblich, um sich zu den meditierenden zu zählen. Die Linie ist sehr fein. Aber man muss einen grossen Wunsch nach Bewusstsein, nach sich selbst, nach der Verwirklichung seiner eigenen Möglichkeiten haben, um dafür aufzustehen, dass Meditation Teil des Lebens eines jeden Menschen sein sollte.

Es sollte in den Schulen gelehrt werden, in den Familien praktiziert und nicht nur als Form, sondern als Qualität. Es sollte darüber diskutiert werden. Und es sollte zum anerkannten Maßstab werden für Wahrheitsfindungsprozesse.

Davon sind wir noch weit entfernt. Aber mit jedem Menschen, der das erkennt und dafür aufsteht, kommen wir diesem Zustand ein bisschen näher. Und jeder, der in sich selbst noch kämpft, der seine Umgebung kaum einweihen kann, dass er meditiert, muss sich eingestehen, wieviel Dunkelheit und Wunsch nach Dunkelheit in seinem Leben Raum nimmt. Und wieviel er noch meditieren müsste, damit das verschwindet.

Mahamudra,

OSHO Manjusha Meditationszentrum
Niederpöbel 27 in 01762 Schmiedeberg / Osterzgebirge

um das Jahr 2000